Santa Fe und sein Lehmstil: echtes Adobe, Nachbildung und bewusste Ausnahmen
Die Altstadt von Santa Fe wirkt einheitlich erdfarben und flach. Dahinter stehen eine Bauordnung, ein Museumsumbau von 1909 bis 1913 und einige Gebäude, die tatsächlich aus Lehm bestehen. Fünf Bauten in der Altstadt und ihrer Umgebung zeigen die Unterschiede.

Zwei Bauten an der Plaza zeigen, dass Aussehen und Material in Santa Fe nicht dasselbe sind. Der Palace of the Governors hat zum größten Teil Mauern aus Adobe-Ziegeln. Das New Mexico Museum of Art dagegen wurde nach eigener Darstellung aus modernen Baustoffen errichtet und nur nach dem Vorbild historischer Adobe-Kirchen gestaltet. Dass das Stadtbild trotzdem einheitlich wirkt, geht auch auf eine Vorschrift zurück. Für den Bezirk Downtown and Eastside beschreibt die Bauordnung den ursprünglichen Santa-Fe-Stil als Bauweise aus Adobe mit Lehmputz. Im selben Abschnitt erlaubt sie jedoch Mauern aus Blöcken oder Ziegeln, wenn sie verputzt sind und wie Adobe aussehen.
Eine Stadt mit Stilvorschrift
Santa Fe hat fünf historische Bezirke. Wer dort bauen oder umbauen will, braucht vorab eine Genehmigung der städtischen Denkmalbehörde, größere Vorhaben prüft ein eigener Ausschuss. Die Satzung nennt als Zweck ausdrücklich auch den Weiterbau in den historischen Stilen, und sie gilt ebenso für den Bundesstaat New Mexico und seine Behörden.
Besonders genau regelt die Satzung das Aussehen im Bezirk Downtown and Eastside. Für die anderen Bezirke enthält sie eigene Bestimmungen, die unter bestimmten Voraussetzungen etwa auch Stein, Ziegel oder andere Dachformen zulassen. Für Downtown and Eastside beschreibt sie zwei Stile. Zum „old Santa Fe style“ zählt sie den Pueblo- oder Pueblo-Spanish-Stil und den Territorial-Stil. Typisch sind lange, niedrige und meist eingeschossige Bauten mit Flachdächern, Brüstungsmauern, überdachten Vorbauten (Portales), vorstehenden Deckenbalken (Vigas) und Wasserspeiern. Die geschlossene Wandfläche muss an jeder Fassade größer sein als alle Fenster und Türen zusammen. Auch beim jüngeren „recent Santa Fe style“ muss der vorherrschende Eindruck dem von Adobe entsprechen. Mindestens 80 Prozent der Fläche jeder öffentlich sichtbaren Fassade müssen eine Adobe-Oberfläche oder einen Putz aufweisen, der diese nachahmt. Als Grundregel für die Farben gelten matte Braun- und Erdtöne, für die Portales sind Abweichungen erlaubt.
Palace of the Governors: alt, aber umgebaut

An der Nordseite der Plaza liegt der Palace of the Governors. Das New Mexico History Museum datiert ihn auf 1610 und bezeichnet ihn als ältestes durchgehend genutztes öffentliches Gebäude, das europäische Siedler in den kontinentalen USA errichtet haben. Nach Angaben des National Park Service (NPS) ist er der einzige erhaltene Teil der Casas Reales, der königlichen Häuser, die unter Gouverneur Pedro de Peralta entstanden.
Hier ist das Material echt. Die meisten Wände bestehen laut der Unterlage zur Ernennung als nationales Baudenkmal aus Adobe-Ziegeln. Manche sind sehr dick („in some cases several feet thick“). Überzogen sind sie allerdings mit hellbraunem Zementputz. Das Aussehen dagegen ist jünger, als die Datierung vermuten lässt. 1878 erhielt das Gebäude einen weißen Vorbau im viktorianischen Stil mit Balustrade. Von 1909 bis 1913 baute Jesse Nusbaum im Auftrag des Museumsgründers Edgar L. Hewett den Palace um und gab ihm die Gestalt, die er heute hat. Dieselbe Denkmalunterlage nennt das Ergebnis eine eher unvollständige und romantische Beschwörung der Vergangenheit. Der heutige Vorbau zwischen zwei Endtürmen beruhe weitgehend auf Mutmaßungen. In den 1970er Jahren kamen unter Nusbaums Putz ältere Fenster- und Türrahmen im Territorial-Stil wieder zum Vorschein.
Unter diesem Vorbau verkaufen indianische Kunsthandwerker ihre Arbeiten, nach Angaben des Museums täglich von 8:30 bis 17 Uhr.
Wie aus einem Umbau ein Stadtstil wurde

Der Umbau wirkte über das Gebäude hinaus. Nach der Denkmalunterlage war eine Ausstellung im Palace von 1912, die „New-Old Santa Fe Exhibition“, ein Wendepunkt für die architektonische Neugestaltung der Stadt. Der rekonstruierte Vorbau wurde sofort zum einflussreichen Vorbild. Vor allem durch die Bauten des Architekten John Gaw Meem wurden die sogenannten Revival-Stile in der öffentlichen Architektur von Santa Fe allgegenwärtig.
Die Denkmalunterlage unterscheidet dabei zwei Richtungen. Der Spanish-Pueblo-Revival-Stil zeigt dicke, geneigte Wände und gerundete Ecken, also das Aussehen von Adobe, oft in Zementputz über Ziegeln oder Hohlziegeln. Der Territorial-Revival-Stil ist ebenfalls erdfarben verputzt, wurde aber selten aus Adobe gebaut, ahmt die gerundete Form kaum nach und folgt oft einer klassischen Symmetrie. Der NPS bezeichnet den ab 1909 entstandenen Stil der Innenstadt als historisch konstruiert, schreibt aber auch, dass er Santa Fe weltweit erkennbar gemacht habe.
Museum of Art: Adobe-Gestalt aus modernen Baustoffen
Wie weit Form und Material auseinanderliegen können, zeigt das New Mexico Museum of Art an der Palace Avenue. Es wurde 1917 eröffnet, nach Angaben des Museums als erstes Gebäude des Bundesstaats, das der Kunst gewidmet war. Die Architekten Isaac Hamilton Rapp und William Morris Rapp entwarfen es als vergrößerte und veränderte Fassung ihres Gebäudes für die Panama-California Exposition 1915 in San Diego.
Nach eigener Darstellung wurde das Museum im Stil des Pueblo Revival mit modernen Baustoffen errichtet und nach dem Vorbild historischer Adobe-Kirchen der Pueblos gestaltet. Laut Denkmalunterlage übernehmen die Fassaden Merkmale von sechs Missionskirchen. Der NPS nennt das Gebäude eine Ikone des Spanish-Pueblo-Revival-Stils. Aus welchem Material die Wände im Einzelnen bestehen, geben die ausgewerteten Quellen nicht an.
San Miguel: Lehm, der gepflegt werden muss

Zweieinhalb Blocks südlich der Plaza, im Viertel Barrio de Analco, steht die San Miguel Chapel. Ihren Rang beschreibt die Kapelle auf ihrer Website unterschiedlich: einmal als ältester katholischer Sakralbau in den kontinentalen USA, an anderer Stelle als möglicherweise älteste Kirche des Landes. Gebaut wurde sie laut Kapelle um 1610, am wahrscheinlichsten von Menschen aus der mexikanischen Provinz Tlaxcala unter Leitung der Franziskaner. 1680 verbrannte im Pueblo-Aufstand das Dach, 1710 war der Wiederaufbau abgeschlossen. Welche Mauerteile aus der Zeit vor 1680 stammen, belegen die ausgewerteten Quellen nicht.
Die Kapelle beschreibt sich als Bau zu 100 Prozent aus Adobe, also Lehm. Zugleich berichtet sie, dass 1887 bis 1889 Strebepfeiler aus Stein die Lehmwände stützen sollten. Wie viel Pflege Lehm verlangt, zeigt ihre jüngere Geschichte. Von 2010 bis 2014 wurde der Portlandzement-Putz, der Jahrzehnte zuvor aufgetragen worden war, außen wieder entfernt, das Adobe repariert und ein Lehmputz aufgebracht. Dazu kommt Routinearbeit. Mindestens zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, werden die Brüstungsmauern, also die oberen Abschlüsse der Außenwände, und die Mauerfüße, wo die Wände auf den Boden treffen, mit Lehm neu verputzt, ebenso Teile der Außenwände und der Strebepfeiler. So werden Schäden durch das Wetter ausgebessert. Seit dem Sommer 2025 werden auch die Außenwände wieder repariert und mit Lehm verputzt, zum ersten Mal seit elf Jahren. Begonnen wurde nach Angaben der Kapelle an der Westfassade und an Teilen der Nord- und Ostwand. Unterstützt wird die Arbeit von der Catholic Foundation, von der Saint Michael's High School, der die Kapelle nach eigenen Angaben seit 1859 gehört, und von der Organisation Cornerstones Community Partnerships, die historische Bauten im Südwesten restauriert. Geplant sind die Arbeiten für 2025 bis 2027, bis die ganze Außenseite erneuert ist.
Innen zeigt die Kapelle ein Retablo, eine bemalte Altarwand von 1798. Unter Plexiglas sind der ursprüngliche Lehmboden und die Altarstufen zu sehen.
Die Ausnahmen: Stein und Rundbau

Nicht alles in der Altstadt folgt der Lehmoptik. Am Ende der San Francisco Street steht die Cathedral Basilica of St. Francis of Assisi, ein romanischer Steinbau. Nach Angaben der Pfarrei stand an dieser Stelle seit 1610 eine Kirche. Die Adobe-Kirche von 1714 hielt Bischof Jean-Baptiste Lamy für unzureichend. Der aus Frankreich stammende Geistliche war laut NPS 1851 nach Santa Fe gekommen. Er ließ ab 1869 mit französischen Architekten und italienischen Steinmetzen eine romanische Kirche bauen, und zwar um die alte Kirche herum, die danach abgerissen wurde. Die Pfarrei nennt 1887 als Ende der Bauzeit und als Jahr, in dem die Kathedrale eingeweiht wurde. Die geplanten Turmspitzen blieben aus Geldmangel unvollendet. Der NPS datiert die Konsekration der Kathedrale auf 1895, als viele geplante Bauteile noch fehlten. Wie sich die beiden Daten zueinander verhalten, geht aus den Quellen nicht hervor. Erhalten ist von der Kirche von 1714 laut Pfarrei nur eine kleine Adobe-Kapelle für die Marienfigur La Conquistadora.
Der jüngste Bau dieser Reihe ist das State Capitol, das wegen seiner Form „Roundhouse“ genannt wird. Eingeweiht wurde es am 8. Dezember 1966. Aus der Luft gleicht es mit seinen vier Eingangsflügeln nach Angaben von Tourism Santa Fe, dem städtischen Tourismusamt, dem Sonnensymbol der Zia. Der Entwurf verbindet demnach Elemente des New Mexico Territorial Style, der Pueblo-Adobe-Architektur und des Greek Revival. Ob das Gebäude tragende Lehmmauern hat, belegen die ausgewerteten Quellen nicht.
Was man an der Fassade ablesen kann
Beim Rundgang lässt sich vieles an der Fassade selbst prüfen: ob die Wände geneigt und die Ecken gerundet sind wie beim Spanish-Pueblo-Revival-Stil, ob ein Bau streng symmetrisch ist wie viele Territorial-Revival-Bauten, ob Vigas aus der Wand ragen und Portales vorgebaut sind. Ob Lehm darunter liegt, lässt sich an der Oberfläche dagegen oft nicht erkennen. Beim Palace liegen echte Adobe-Ziegel unter Zementputz, beim Museum of Art stehen moderne Baustoffe hinter derselben Gestalt, und die Bauordnung lässt für Downtown and Eastside verputzte Blöcke und Ziegel ausdrücklich zu, solange sie wie Adobe aussehen. Über das Material geben erst Baugeschichte und Denkmalunterlagen Auskunft.
Einen Rundgang planen
Palace of the Governors und Museum of Art liegen an der Plaza, die Kathedrale am Ende der San Francisco Street und die San Miguel Chapel zweieinhalb Blocks südlich der Plaza. Palace und Museum of Art gehören zum Verbund der staatlichen Museen. Ein Ticket des Museum of Art gilt nach dessen Angaben auch für den zweiten Standort, den Vladem Contemporary im Railyard. Die San Miguel Chapel erhebt Eintritt und akzeptiert nur Kreditkarten. Für Besucher ist die Kathedrale laut Pfarrei dienstags bis samstags geöffnet, montags nicht. Trauerfeiern und Hochzeiten können die Zeiten verschieben.
Ohne Auto erreicht man Santa Fe mit dem Regionalzug Rail Runner. Er endet an der Station Santa Fe Depot im Railyard, von dort liegt die Plaza laut Betreiber in bequemer Gehweite.
Fragen und Antworten
Sind die Häuser in Santa Fe wirklich aus Lehm?
Teils. Für den Bezirk Downtown and Eastside verlangt die Bauordnung das Aussehen von Adobe, erlaubt aber auch verputzte Mauern aus Blöcken oder Ziegeln. Echte Adobe-Mauern haben laut den Quellen etwa der Palace of the Governors, bei dem sie unter Zementputz liegen, und die San Miguel Chapel. Das Museum of Art wurde dagegen nach eigener Angabe mit modernen Baustoffen errichtet und nach dem Vorbild von Adobe-Kirchen gestaltet.
Was unterscheidet Pueblo Revival und Territorial Revival?
Der Spanish-Pueblo-Revival-Stil ahmt mit dicken, geneigten Wänden und gerundeten Ecken das Aussehen von Lehmbauten nach. Der Territorial-Revival-Stil ist zwar ebenfalls erdfarben verputzt, wurde aber laut der Denkmalunterlage zum Palace selten aus Adobe gebaut, verzichtet weitgehend auf die gerundete Form und folgt oft einer klassischen Symmetrie.
Ist die San Miguel Chapel die älteste Kirche der USA?
So bezeichnet sich die Kapelle selbst, allerdings nicht einheitlich: Einmal nennt sie sich ältesten katholischen Sakralbau in den kontinentalen USA, an anderer Stelle „möglicherweise“ älteste Kirche. Nach ihren Angaben wurde sie um 1610 gebaut, 1680 beschädigt und bis 1710 wieder aufgebaut. Eine unabhängige Bestätigung dieses Rangs haben wir in den geprüften Quellen nicht gefunden.
Was kosten Palace und Museum of Art?
Laut den Museen (Stand: September 2026) beträgt der reguläre Eintritt für Besucher ohne Wohnsitz in New Mexico jeweils 12 US-Dollar, für Einwohner des Bundesstaats 7 US-Dollar. Kinder bis 16 Jahre zahlen keinen Eintritt. Der CulturePass für 30 US-Dollar gilt zwölf Monate lang für je einen Besuch in allen staatlichen Museen und historischen Stätten.
Wie alt ist das heutige Aussehen des Palace of the Governors?
Das Gebäude geht auf 1610 zurück, sein heutiges Erscheinungsbild stammt laut der Denkmalunterlage aber überwiegend aus dem Umbau von 1909 bis 1913. Einzelne Elemente im Territorial-Stil, vor allem Fenster, blieben erhalten oder wurden später wiederhergestellt.
Weiterführende Informationen
- City of Santa Fe: Historic Preservation Division
- City of Santa Fe (Municode Library): Code of Ordinances, Sec. 14-5.2 Historic Districts
- New Mexico History Museum: The Palace of the Governors
- New Mexico History Museum: Startseite (Native American Artisans Portal Program)
- New Mexico History Museum: Hours and Admission
- National Park Service: New Mexico: Palace of the Governors
- National Park Service: Palace of the Governors at the New Mexico History Museum
- National Park Service (Corinne P. Sze, 1999): National Historic Landmark Nomination: Palace of the Governors (PDF)
- National Park Service: New Mexico: Santa Fe Plaza
- New Mexico Museum of Art: About Us
- New Mexico Museum of Art: Visit
- San Miguel Chapel: Startseite und Besucherinformationen
- San Miguel Chapel: History
- San Miguel Chapel: Preservation
- Cathedral Basilica of St. Francis of Assisi: Our Parish History
- Cathedral Basilica of St. Francis of Assisi: Mass and Confession Schedule
- Cathedral Basilica of St. Francis of Assisi: Startseite (Besuchszeiten)
- Tourism Santa Fe: New Mexico State Capitol
- Rio Metro Regional Transit District: Santa Fe Depot
- Rio Metro Regional Transit District: FAQ: What can I do when I arrive in Santa Fe?
- National Park Service: La Parroquia Site / Cathedral Basilica of St. Francis of Assisi
Angaben zu Öffnungszeiten, Eintritt, Angeboten und Zugänglichkeit können sich ändern. Maßgeblich sind die verlinkten Stellen.
Weiterführende Webseiten für unsere Community:
Dieser Beitrag beruht auf Recherche in den genannten Quellen.
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