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Städte & Kultur

Jazz in New Orleans verstehen: Congo Square, Armstrong Park und der Jazz-Nationalpark

„Woher kommt diese Musik?“, fragten Kritiker schon um 1912. In New Orleans führt die Suche nach einer Antwort zu einem Platz, auf dem Versklavte sonntags trommelten, zu den Paraden der Brass Bands und in ein Museum in der alten Münze.

Vom USA Reisen Magazin · Community-Content: Sylvia Spleth

Lesezeit etwa 10 Minuten

Sechs lebensgroße Metallfiguren einer marschierenden Blaskapelle mit Posaune, Saxofon, Trompete, kleiner Trommel, großer Trommel mit Becken und Sousafon stehen auf einem Betonsockel. Dahinter liegen Rasen und Bäume mit Herbstlaub.
Skulpturen einer marschierenden Brass Band im Louis Armstrong Park, in dem heute Congo Square liegt.

Sidney Bechet spielte um 1912 oder 1913 im Twenty-Five Club in New Orleans, und dort redeten alle über Freddie Keppard. So erinnerte sich der Klarinettist in seiner Autobiografie „Treat It Gentle“. Keppard hatte die Stadt mit seiner Band verlassen und tourte durchs Land. Nach Hause schickte er Zeitungsausschnitte mit allem, was Journalisten und Kritiker über ihn und seine Musik schrieben. In allen stand dieselbe Frage: Woher kommt diese Musik?

In New Orleans selbst lässt sie sich nicht an einer einzigen Adresse beantworten. Viele Säle, in denen der frühe Jazz gespielt wurde, sind abgerissen, ganze Viertel überbaut. Geblieben sind ein Platz am Rand des French Quarter, Straßen, durch die bis heute Paraden ziehen, und eine alte Münze, in der das Jazz Museum seine Sammlung zeigt. An diesen Orten lässt sich verfolgen, wie die Musik entstand und wie sie die Stadt bald verließ.

Congo Square: ein Platz, viele Deutungen

Ein geschwungener Teich mit Betonkante, an seinem Ufer weiße Kugelleuchten auf Laternenmasten. Dahinter liegen eine Rasenfläche und hohe Bäume, teils noch ohne Laub.
Ein Teich im Louis Armstrong Park.

Am weitesten zurück führt Congo Square an der Rampart Street. Schon Mitte des 18. Jahrhunderts kamen hier, außerhalb der damaligen Stadtbefestigung, Versklavte sonntags zu einem Markt zusammen, schreibt der National Park Service. Die Stadt beschreibt, wie sie an ihrem freien Tag sangen, trommelten, selbst hergestellte Waren verkauften und feierten. Bekannt wurde der Platz für afrikanische Tänze und dafür, dass hier afrikanische Musik- und Kulturtraditionen bewahrt wurden. Vor dem Bürgerkrieg endeten die Tänze.

Wie es dort aussah, ist vor allem aus fremder Hand überliefert. Die frühen schriftlichen Zeugnisse stammen aus Reiseberichten weißer Besucher, darunter Christian Schultz, der 1810 schrieb. Seine Schilderung ist nach Einschätzung der Historic New Orleans Collection ausführlich, aber von Rassismus geprägt. Das bekannteste Bild, Edward Kembles Zeichnung „The Bamboula“, ist dem Museum zufolge ausgedacht: Kemble war nie in New Orleans und zeichnete es Ende des 19. Jahrhunderts, als die Versammlungen längst vorbei waren.

Bürgermeisterin Helena Moreno nannte Congo Square im Februar 2026 den „Geburtsort des Jazz“. Der National Park Service spricht vorsichtiger: Die Tanz- und Trommeltradition sei ein bekanntes Beispiel für frühe Einflüsse auf die Musik der Stadt.

1864 wurde der Platz noch einmal zum Ausgangspunkt. Am 11. Juni, einen Monat nachdem die Sklaverei in New Orleans abgeschafft worden war, versammelten sich hier Tausende zur Feier der Emanzipation. Danach zog die Menge in einer Prozession durch die Stadt bis zur Kreuzung von Fourth und Prytania Street und wieder zurück. Wie jede ordentliche Prozession in New Orleans, schreibt die Historic New Orleans Collection, wurde auch diese von einer Brass Band begleitet.

Heute liegt Congo Square, eingetragen im National Register of Historic Places, im rund 12,5 Hektar großen Louis Armstrong Park im Viertel Tremé. Die Stadt beschreibt den Park als Louis Armstrong und der Jazztradition gewidmet. Was er nicht zeigt: Für ein Kulturzentrum, das später im Armstrong Park aufging, und für andere Sanierungsprojekte wurden nach Angaben des National Park Service mehrere wichtige Jazzorte abgerissen, darunter die Economy Hall und der Gypsy Tea Room.

Wie der Jazz entstand

Nach dem Bürgerkrieg bekamen Unterstützungsvereine für befreite Afroamerikaner eine besondere Bedeutung, schreibt der National Park Service. Sie sollten „den Kranken helfen und die Toten begraben“, denn kommerzielle Kranken- und Lebensversicherungen blieben Schwarzen meist verwehrt. Für ihre Beerdigungen und Umzüge engagierten die Vereine Brass Bands, und wer am Straßenrand stand, tanzte mit. Weil diese Menschen hinter den Vereinsmitgliedern und ihrer Band gingen, heißt das Mitgehen bis heute „Second Line“. Louis Armstrong beschrieb es in seiner Autobiografie „Satchmo: My Life in New Orleans“: Beerdigungen seien traurig, bis der Sarg im Grab liege. Dann stimme die Band ein fröhliches Stück an, und mitlaufen könne jeder, der die Musik hören wolle.

Vor 1900 kamen Nachbarschaftsvereine hinzu, die Social Aid and Pleasure Clubs, die aus Stolz auf ihre Gemeinschaft paradierten. Für Musiker bedeuteten die Paraden verlässliche Arbeit, für junge Talente eine Schule.

Wer mit wem spielte, war allerdings nicht selbstverständlich. Baby Dodds lebte uptown, im amerikanischen Teil der Stadt stromaufwärts der Canal Street. In seinen Erinnerungen, die der National Park Service zitiert, nennt er die Canal Street eine Trennlinie: Im französischen Teil lebten die Kreolen, und dort konnte jeder Noten lesen. Die meisten Musiker von uptown konnten es nicht, und eine Zeit lang hielten die Kreolen sie nicht für gut genug, um mit ihnen zu spielen.

Gerade uptown entstand etwas Neues. Zwischen 1895 und 1900 begann der Kornettist Charles „Buddy“ Bolden, improvisierten Blues in seine Musik aufzunehmen und bekannte Tanzstücke schneller zu spielen. Viele frühe Jazzmusiker hielten ihn für den ersten mit einem eigenen, neuen Stil. Die freiere Musik zog ein immer größeres Publikum an und brachte nach Angaben des National Park Service viele ausgebildete wie ungeschulte Musiker in die improvisierenden Bands. Um 1905 trat Boldens Band, vom National Park Service als heiße Uptown-Band beschrieben, in zwei Parks im Stadtteil Gerttown gegen das glattere Downtown-Orchester von John Robichaux an. Diese „Cutting Contests“ waren Wettspiele, bei denen die Bands um die Gunst des Publikums spielten. Beide Parks sind heute überbaut.

Dass schwarze und kreolische Musiker dennoch zusammenfanden, führt der National Park Service auf zwei Veränderungen zurück. Die eine war die wachsende Beliebtheit der improvisierten Musik. Die andere waren die Rassentrennungsgesetze der 1890er Jahre. Sie verschärften die Diskriminierung aller Menschen mit afrikanischen Vorfahren und schafften den Sonderstatus der Creoles of color ab, Menschen afrikanischer und europäischer Herkunft, deren Musiker als besonders gut ausgebildet galten. Beides zusammen führte die Musiker beider Seiten zueinander, und die improvisierende Spielweise von uptown verband sich mit dem disziplinierteren kreolischen Ansatz. Vorn in der Band setzten sich Kornett, Klarinette und Posaune durch. Wenn diese drei gemeinsam improvisieren, entsteht der mehrstimmige Klang des New-Orleans-Jazz.

Viele kreolische Musiker wohnten im Sixth Ward neben Tremé, unter ihnen Sidney Bechet und Freddie Keppard. Die Claiborne Avenue war dort früher eine baumbestandene Promenade, auf der Clubs paradierten. In den 1960er Jahren wurde über ihr eine Hochstraße der Interstate 10 gebaut, die das Viertel stark veränderte. Die Clubs und Unterstützungsvereine führen die Tradition der Jazzparaden dort nach Angaben des National Park Service trotzdem bis heute fort.

Mit dem Rotlichtbezirk Storyville, in dem Prostitution von 1897 bis 1917 legal war, hat die Entstehung des Jazz weniger zu tun, als eine verbreitete Legende behauptet. Geboren wurde der Jazz dort laut National Park Service nicht, der Bezirk machte die neue Musik aber einem breiteren Publikum bekannt. Bald hörte man sie auch weit außerhalb der Stadt. Keppards Original Creole Orchestra zog 1912 nach Los Angeles und spielte danach auf Tournee auch in Chicago und New York. Von dieser Tournee schickte Keppard nach Bechets Erinnerung die Zeitungsausschnitte nach Hause. Bechet selbst ging 1917 nach Chicago, Joe „King“ Oliver zwei Jahre später.

Louis Armstrong

Aquarell eines Messingkornetts auf einem Holzstuhl neben aufgeschlagenen Noten.
Ein Kornett mit Noten (Aquarell).

Louis Armstrong blieb länger. Eine seiner ersten Arbeiten, schreibt der National Park Service, war der Verkauf von Kohle: Er fuhr auf dem Wagen eines Händlers mit und blies in ein Blechhorn, um Kunden anzulocken. Auf den Straßen und in den Kneipen der Stadt hörte er Musiker wie Bunk Johnson und Joe Oliver, und weil er ihnen so aufmerksam zuhörte, wurden sie seine Lehrer. In einem Heim für Jungen, in das er nach einer Festnahme in der Silvesternacht 1912 kam, brachte ihm Peter Davis laut dem Louis Armstrong House Museum bei, das Kornett fachgerecht zu spielen; am Ende leitete Armstrong die Brass Band des Heims. 1922 fuhr er mit dem Zug nach Chicago, um in der Creole Jazz Band zu spielen, die sein Mentor Oliver dort leitete.

Wo er aufwuchs, ist kaum noch etwas zu sehen. Back o’ Town, damals auch „Battlefield“ genannt, ist nach Angaben des National Park Service zum größten Teil mit Behördenbauten, Parkplätzen, Bürotürmen und dem Superdome überbaut. Armstrongs Geburtshaus wurde abgerissen.

Das Jazz Museum in der alten Münze

Aquarell eines rötlichen Gebäudes mit einem Portikus aus vier weißen Säulen hinter einem schwarzen Eisenzaun. Von oben ragt ein Eichenast ins Bild.
Die Old U.S. Mint an der Esplanade Avenue, 1838 fertiggestellt und heute Sitz des New Orleans Jazz Museum (Aquarell). · Aquarell nach „New Orleans Mint - Exterior Esplanade Avenue Side - May 2019.jpg“ von Carnaval.com Studios, Wikimedia Commons; bearbeitet für USA Reisen Magazin (CC BY 2.0)

Gesammelt wird diese Geschichte in der Old U.S. Mint an der Esplanade Avenue, dort, wo das French Quarter auf die Frenchmen Street trifft. Das Gebäude im Stil des Greek Revival, der sich an antiker griechischer Architektur orientiert, wurde 1838 fertiggestellt. Nach Angaben des Louisiana State Museum war es die einzige Münzstätte, die sowohl amerikanische als auch konföderierte Münzen prägte. Seit 1981 ist es Museum.

Heute zeigt hier das New Orleans Jazz Museum seine Ausstellungen. „Congo Square to the World: Early Jazz in New Orleans“ trägt den Platz an der Rampart Street schon im Titel. Seit 2024 erzählt „It All Started in Jane Alley“ von Armstrongs Jugend in der Stadt. Das Museum veranstaltet zudem regelmäßig Konzerte, viele davon kostenlos, darunter auch Konzerte auf dem Balkon.

Zur Sammlung gehören nach Angaben des Louisiana State Museum Armstrongs erstes Kornett und eine Schallplatte von 1917 mit der ersten kommerziellen Jazzaufnahme, wie der National Park Service sie nennt. Eingespielt hat sie die Original Dixieland Jazz Band, und zwar in New York. Als die Musik zum ersten Mal auf eine Platte kam, die man kaufen konnte, war sie also schon nicht mehr allein in New Orleans zu Hause.

Programme des Jazz-Nationalparks

Seit 1994 hat die Jazzgeschichte von New Orleans einen eigenen Nationalpark, den New Orleans Jazz National Historical Park. In seinem Besucherzentrum an der Decatur Street halten Ranger vormittags Vorträge zur Kulturgeschichte der Stadt. An ausgewählten Nachmittagen gibt es Konzerte, etwa von einer Band aus Rangern und lokalen Musikern. In den Trommelkreisen des Parks lernen die Teilnehmer etwas über das Erbe von Congo Square. Die Programme sind laut National Park Service kostenlos, sofern beim jeweiligen Termin nichts anderes angegeben ist.

Einen passenden Musikabend finden

Ein Eckhaus aus Backstein mit umlaufenden, verzierten Balkongalerien, Hängefarnen und Blumenkörben. Im Erdgeschoss hat es Bogenfenster und eine rote Tür, an der Ecke hängen eine Laterne und ein Straßenschild.
Ein Eckhaus im French Quarter.

Für Livemusik in der Stadt verweist der National Park Service selbst auf den Konzertkalender des Radiosenders WWOZ, der nach Spielstätten und Abenden sortiert ist. Wer traditionellen New-Orleans-Jazz in kleinem Rahmen sucht, findet ihn unter anderem in der Preservation Hall an der St. Peter Street im French Quarter.

Preservation Hall entstand nach eigener Darstellung aus Proben, zu denen ein Galerist in den 1950er Jahren ältere Musiker einlud, und wirbt mit traditionellem Jazz „seit 1961“. Die Halle beschreibt sich als seltenen Ort im Süden, an dem in der Zeit der Rassentrennung gemischte Bands vor gemischtem Publikum spielten. Heute geben dort wechselnde Ensembles aus einem Kollektiv lokaler Musiker an fast jedem Abend kurze akustische Konzerte, meist vier zu je 45 Minuten. Tickets gibt es nur online und im Voraus.

Fragen und Antworten

Sind die Programme des Jazz-Nationalparks in New Orleans kostenlos?

Ja. Nach Angaben des National Park Service (Stand: 29. September 2026) sind die Programme kostenlos, sofern beim jeweiligen Termin nichts anderes angegeben ist. Das Besucherzentrum in der Decatur Street 419 ist laut aktuellem Hinweis des Parks dienstags bis samstags von 9:30 bis 16:30 Uhr geöffnet. Schließtage nennt der Park in seinen aktuellen Hinweisen.

Braucht man für die Preservation Hall Tickets im Voraus?

Ja. Nach Angaben von Preservation Hall (Stand: 29. September 2026) gibt es Tickets nur online und im Voraus. Bar bezahlen kann man nicht. Tickets werden nicht erstattet. In der Preservation Hall finden an fast jedem Abend akustische Konzerte statt, meist vier zu je 45 Minuten.

Wo findet man in New Orleans Livemusik für einen bestimmten Abend?

Der National Park Service verweist auf den Konzertkalender des Radiosenders WWOZ, der nach Spielstätten und Abenden sortiert ist.

Kann man Louis Armstrongs Geburtshaus in New Orleans besichtigen?

Nein. Sein Geburtshaus existiert nicht mehr, und schon sein Geburtsdatum wird unterschiedlich angegeben: Armstrong selbst nannte den 4. Juli 1900, das Louis Armstrong House Museum den 4. August 1901. Das Viertel, in dem er aufwuchs, wurde zum größten Teil später überbaut. Über seine Jugend in der Stadt informiert seit 2024 die Ausstellung „It All Started in Jane Alley“ im New Orleans Jazz Museum (Stand: 29. September 2026).

Weiterführende Informationen

  1. National Park Service: New Orleans Jazz National Historical Park
  2. National Park Service: Basic Information
  3. National Park Service: Early History of Jazz
  4. National Park Service: Jazz Map
  5. National Park Service: Louis Armstrong
  6. National Park Service: National Register: Congo Square (92001763)
  7. City of New Orleans: Congo Square / Louis Armstrong Park
  8. Historic New Orleans Collection: Congo Square, Europe, and Back
  9. Louis Armstrong House Museum: Biography
  10. New Orleans Jazz Museum: Exhibits
  11. New Orleans Jazz Museum: Visit
  12. Louisiana State Museum: New Orleans Jazz Museum at the Old U.S. Mint
  13. Preservation Hall: About
  14. Preservation Hall: FAQ
  15. WWOZ: Livewire Music Calendar
  16. Louisiana State Museum: Jazz Collection
  17. City of New Orleans: Pressemitteilung vom 19.02.2026: Armstrong Park and Municipal Auditorium Strategic Plan

Angaben zu Öffnungszeiten, Eintritt, Angeboten und Zugänglichkeit können sich ändern. Maßgeblich sind die verlinkten Stellen.

Dieser Beitrag beruht auf Recherche in den genannten Quellen.

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