Boott Cotton Mills in Lowell: vom Websaal ins Boardinghouse
Im Boott Cotton Mills Museum in Lowell, Massachusetts, laufen historische Webstühle. Auf der anderen Seite eines kleinen Parks zeigt das Mogan Cultural Center nachgebildete Wohnräume eines Boardinghouses um 1841. Beide gehören zum Lowell National Historical Park und liegen nur wenige Schritte auseinander.

Der Schützen, ein Schiffchen mit einer Garnspule im Inneren, braucht weniger als eine halbe Sekunde für seinen Weg. Er trägt einen Querfaden durch die gespannten Längsfäden bis an den anderen Rand, die Lade drückt den Faden an das fertige Tuch, und schon läuft er zurück. Die Webstühle im Boott Cotton Mills Museum schaffen das 140- bis 150-mal in der Minute. Wer hier zuschaut, sieht die Arbeit, von der Lowell im 19. Jahrhundert lebte. Gegenüber, auf der anderen Seite eines kleinen Parks, geht es um die andere Hälfte dieses Arbeitslebens: um Essen, Schlafen und die Regeln der Häuser, in denen die jungen Frauen der ersten Jahrzehnte wohnten.

Im Websaal
Mehr als 80 Webstühle stehen in dem langen Saal, gebaut zwischen 1913 und 1922 von der Draper Corporation in Hopedale, Massachusetts. Lederriemen führen von Wellen unter der Decke zu ihnen herab. Der Saal ist eine Rekonstruktion. Als die Boott Mills auf ihrem Höhepunkt waren, standen in diesem Raum rund 200 Webstühle, und Lowell hatte Dutzende solcher Säle. Wo heute der Gang für die Besucher verläuft, lief damals eine weitere Reihe Maschinen.

Nicht alle Stühle arbeiten zugleich. Um jeden einzelnen laufen zu lassen, bräuchte das Museum viel mehr Personal und Garn, denn jede Maschine verlangt Pflege, und eine neue Kette einzuziehen kostet Zeit. Bei den Vorführungen laufen die Maschinen, und Ranger und Weber erklären, was geschieht. Sie tun dabei vieles von dem, was ihre Vorgänger taten: gerissene Fäden knüpfen, stehen gebliebene Stühle wieder anwerfen, Schäden an den Webstuhlschlosser melden und das Gewebe auf Fehler prüfen. Gehörschutz gegen den Lärm trugen die meisten Weber erst in den 1960er Jahren, manche hatten sich vorher Baumwolle in die Ohren gestopft, die keinen ausreichenden Gehörschutz bot.
Wie ein Webstuhl webt
Stoff entsteht aus zwei Fadensystemen. Die Kettfäden laufen längs durch die Maschine, von einer großen Rolle im hinteren Teil bis zum Tuch vorn. Der Schussfaden kreuzt sie quer. Für jeden Schuss wiederholt der Webstuhl drei Bewegungen. Zuerst hebt er einen Teil der Kettfäden an, beim einfachen Leinwandgewebe die Hälfte. Zwischen oberen und unteren Fäden öffnet sich ein Spalt, das Fach. Dann schießt der Schützen mit seiner Garnspule durch das Fach und lässt den Faden hinter sich liegen. Zuletzt drückt die Lade den neuen Faden gegen das Gewebe. Währenddessen rollt der Stuhl vorn das fertige Tuch auf und gibt hinten Kettfaden nach, damit die Spannung gleich bleibt.
Was dabei entsteht, hängt davon ab, wie die Kettfäden eingezogen sind. Einige Stühle im Saal weben weißen Stoff mit einem farbigen Streifen an beiden Kanten, andere Köper wie das Fischgrätmuster. Das Tuch ist etwa einen Meter breit.
Warum ein Weber viele Stühle führte
An der rechten Seite jedes Stuhls sitzt eine runde Trommel voller Garnspulen. Ältere Webstühle blieben stehen, sobald die Spule im Schützen leer war; dann musste jemand eine volle einsetzen und den Faden neu einfädeln. James Northrop, ein Angestellter von Draper, ließ sich in den 1890er Jahren die Spulenbatterie patentieren. Sie dreht sich weiter und schiebt eine volle Spule in den Schützen, sobald die alte aufgebraucht ist. Kleine Fadenwächter halten die Maschine an, wenn ein Kettfaden reißt, denn mit einem Fehler im Tuch ließ sich der Stoff gar nicht oder nur billig verkaufen.

Beides zusammen veränderte die Arbeit. Ein Weber führte nun viele Stühle statt weniger. Für einen Saal dieser Größe mit rund 90 Webstühlen nennt der Park als mögliche Besetzung um 1915 drei Weber und einen Springer, der größere Schäden behob. Das ist keine überlieferte Dienstliste der Boott Mills, aber es zeigt die Größenordnung. Die Arbeitswoche wurde in diesen Jahrzehnten kürzer, das Tempo höher: In den 1830er und 1840er Jahren arbeiteten die Beschäftigten in Lowell im Schnitt 73 Stunden in der Woche, 1874 waren 60 Stunden üblich, ab 1912 durften es höchstens 54 sein. Um 1900 bedienten weniger Menschen mehr Maschinen, und diese liefen schneller. 1916 verdienten die meisten Beschäftigten der Boott Mills zwischen 8 und knapp 12 Dollar in der Woche.
Woher die Maschinen kommen
Zur ursprünglichen Produktionsausrüstung der Boott Mills gehören die Stühle im Saal nicht. Diese Ausrüstung verließ das Werk, als es 1955 schloss, und ging vermutlich an neue Fabriken im Süden der USA. Dorthin zog die Textilindustrie, weil Löhne und Transportkosten niedriger waren. Die Draper-Webstühle im Museum haben diesen Weg selbst gemacht. Gebaut wurden sie für eine Fabrik in Fall River, Massachusetts. Mitte des 20. Jahrhunderts arbeiteten sie in Tennessee. Als die Industrie später weiter ins Ausland zog, blieben alte Maschinen oft zurück. Diese hier wurden in den 1980er Jahren bei einem Händler in South Carolina gekauft und in Lowell mit neuen Leder- und Holzteilen wieder hergerichtet. Die Wellen und Riemenscheiben unter der Decke stammen aus einer anderen Fabrik der Stadt, den Appleton Mills.
Angetrieben werden die Wellen heute von Elektromotoren an der Decke. Die ersten Fabriken von Lowell nutzten dafür Wasserräder, später Turbinen. Das Wasser kam über ein Kanalnetz, das ab 1821 entstand und um die Mitte des 19. Jahrhunderts auf zwei Ebenen zehn große Fabrikanlagen mit zusammen mehr als 10.000 Beschäftigten versorgte. Einige Riemen im Saal sind über Kreuz gelegt. Jeder Webstuhl läuft nur in eine Richtung, und mit gekreuzten Riemen treibt eine einzige Welle zwei Reihen an, die Rücken an Rücken stehen.

Über den Boarding House Park
Vor dem Museum liegt ein kleiner Park, der Boarding House Park. Auf seiner anderen Seite ist in einem Boardinghouse das Mogan Cultural Center untergebracht. Die Boott-Gesellschaft hatte direkt gegenüber ihrer Fabrik acht Reihen solcher Wohnhäuser gebaut. Jede war gut 45 Meter lang und knapp elf Meter breit, mit hohen Schornsteinen und Gauben im Dach. In der Mitte lagen vier Boardinghouse-Einheiten für unverheiratete Beschäftigte, an beiden Enden Wohnungen für Aufseher und Facharbeiter mit ihren Familien.

Ihre Arbeitskräfte warben die Gesellschaften seit 1823 auf den Farmen und in den Dörfern Neuenglands an: junge Frauen, meist zwischen 15 und 30 Jahre alt, die als „Mill Girls“ bekannt wurden. Sie arbeiteten zwölf bis vierzehn Stunden am Tag und samstags einen halben Tag, meist neun bis zehn Monate im Jahr. Für Kost und Logis zogen ihnen die Gesellschaften in den 1830er und 1840er Jahren 1,25 bis 1,50 Dollar in der Woche vom Lohn ab, etwa ein Drittel des Verdienstes. Dafür gab es drei Mahlzeiten, etwas Wäsche und ein Bett in einem Zimmer, das sich meist vier bis sechs Frauen teilten, oft zu zweit in einem Bett. Eine Hausmutter kochte, führte das Haus und meldete Verstöße an die Fabrik. Die Regeln waren streng: Wer trank, sich rüpelhaft benahm, eine unerlaubte Beziehung zu einem Mann einging oder dem sonntäglichen Gottesdienst regelmäßig fernblieb, konnte Arbeit und Bett zugleich verlieren.
Im Boardinghouse
Die Ausstellung im Mogan Cultural Center bildet Wohnräume um 1841 nach. Im Erdgeschoss liegen Speisezimmer und Küche, wo die Hausmutter drei Mahlzeiten am Tag zubereitete, daneben ihr eigenes Zimmer. Oben sind die engen Schlafzimmer eingerichtet, und man kann Gespräche der Bewohnerinnen in der Nacht nachhören. Vitrinen zeigen, womit die jungen Frauen ihre wenigen freien Stunden füllten und was sie nach Hause schrieben.
Zwei von ihnen stellt die Ausstellung genauer vor. Lucy Larcom kam als Kind nach Lowell, wo ihre verwitwete Mutter ein Boardinghouse führte. Mit elf Jahren wechselte sie in einer Spinnerei volle gegen leere Spulen, für einen Dollar in der Woche nach Abzug von Kost und Logis, und wurde später als Dichterin bekannt. Harriet Hanson, später Harriet Hanson Robinson, war ebenfalls elf, als sie 1836 mit den Streikenden die Fabrik verließ.

1834 und 1836
Der erste große Streik begann im Februar 1834. Die Gesellschaften kürzten die Löhne in der ganzen Stadt um 12,5 Prozent. Als die Tremont Mills die Wortführerin Julia Wilson entließen, gab sie das Zeichen zum Gehen, und 800 Frauen legten die Arbeit nieder. Ihre Forderungen setzten sie nicht durch. Sie kehrten an die Arbeit zurück oder verließen Lowell, doch aus diesem ersten Versuch lernten sie für spätere Streiks. Im Oktober 1836 erhöhten die Gesellschaften die Abzüge für Kost und Logis, was einer Lohnkürzung gleichkam. Diesmal streikten 1.500 bis 2.000 Beschäftigte, und das über Monate. Bei mehreren Gesellschaften lenkte die Leitung zumindest teilweise ein, bei den Gesellschaften Boott und Merrimack nahm sie die Erhöhung ganz zurück.
In den 1840er Jahren ging es um die Länge des Arbeitstags. Die Weberin Sarah Bagley wurde 1844 Präsidentin der Lowell Female Labor Reform Association. Mit anderen Gruppen reichte der Verband 1845 Petitionen mit 2.139 Namen für den Zehnstundentag beim Parlament von Massachusetts ein, das ein Gesetz ablehnte. Die Gesellschaften verkürzten den Tag später auf elf Stunden.
Wer später kam
Seit den 1840er Jahren arbeiteten immer mehr Iren in den Fabriken, nach dem Bürgerkrieg kamen Tausende weitere Einwanderer, darunter Frankokanadier, Griechen, Portugiesen und Polen. Einwanderer, oft ganze Familien, stellten nun die meisten Bewohner der Boardinghouses, und um 1900 lebten dort mehr Männer als Frauen. Bei den großen Streiks von 1903 und 1912 standen Frauen weit vorn. Später gingen fast alle Boardinghouses der Stadt durch Verfall und Stadtsanierung verloren.
Das Mogan Cultural Center erzählt auch diesen Teil. Die Ausstellung „One City, Many Cultures“ zeigt Lowell als Stadt, in der Einwanderer und Geflüchtete bis heute ankommen. Im selben Haus probt die Angkor Dance Troupe, die kambodschanische Geflüchtete 1986 in Lowell gründeten, um traditionellen Tanz ihres Landes weiterzugeben.
Besuch planen
Der Rundgang beginnt am besten im Visitor Center an der Market Street oder direkt im Boott-Museum an der John Street. Zwischen beiden liegen zehn bis fünfzehn Minuten zu Fuß. Für das Museum braucht man eine Eintrittskarte, das Mogan Cultural Center ist frei. Wer mehr über den Antrieb wissen will, kann die Suffolk Mill an der Suffolk Street besuchen. Dort sind eine Francis-Turbine sowie eine Turbinengrube und eine Transmission von 1853 zu sehen. Ob und wann Führungen ab dem Boott-Museum oder offene Besuchszeiten angeboten werden, steht auf der Seite der Ausstellung. Auch Öffnungs- und Vorführzeiten im Websaal ändern sich. Die Angaben für den Reisetermin stehen auf den Seiten des Lowell National Historical Park.

Fragen und Antworten
Laufen alle Webstühle im Websaal?
Nein. Ein Teil der mehr als 80 Stühle steht still. Für den Betrieb aller Maschinen hätte das Museum nicht genug Personal und Material.
Sind die Webstühle Originale aus den Boott Mills?
Nein. Die Boott-Ausrüstung wurde nach der Schließung 1955 vermutlich in den Süden verkauft. Die heutigen Draper-Stühle aus den Jahren 1913 bis 1922 kamen über Tennessee und einen Händler in South Carolina nach Lowell und wurden dort restauriert.
Was kostet der Besuch?
Für das Boott Cotton Mills Museum braucht man eine Eintrittskarte, mit dem Jahrespass America the Beautiful gibt es Ermäßigung. Das Mogan Cultural Center ist frei. Aktuelle Preise nennt der Park.
Wie komme ich ohne Auto nach Lowell?
Mit der MBTA Commuter Rail von der North Station in Boston zum Gallagher Terminal in Lowell. Von dort fährt ein Shuttle der LRTA in die Innenstadt. Fahrtage und Zeiten stehen im aktuellen Fahrplan der LRTA.
Sind Museum und Boardinghouse mit dem Rollstuhl zugänglich?
Ja. Beide Häuser sind für Besucher mit eingeschränkter Mobilität zugänglich, und die Filme in den Ausstellungen haben Untertitel. Im Museum kann man kostenlos einen Rollstuhl leihen, solange einer frei ist.
Wie viel Zeit sollte ich einplanen?
Nach unserer Einschätzung einen halben Tag für Museum, Vorführung und Boardinghouse. Mit einem Besuch der Suffolk Mill, wenn Führung oder offene Zeit zum Reisetermin passen, wird daraus ein ganzer Tag.
Weiterführende Informationen
- National Park Service, Lowell National Historical Park: The Boott Mills Weave Room
- National Park Service: Weave Room Frequently Asked Questions
- National Park Service: How Does Weaving Work?
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Boott Cotton Mills Museum
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Mogan Cultural Center
- National Park Service, Lowell National Historical Park: The Boarding Houses
- National Park Service, Lowell National Historical Park: The Mill Girls of Lowell
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Labor Reform: Early Strikes
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Sarah Bagley
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Lucy Larcom
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Working Conditions (Handbook 140)
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Lowell's Canal System (Handbook 140)
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Suffolk Mill Turbine Exhibit
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Places To Go
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Directions & Transportation
- National Park Service, Lowell National Historical Park: Fees & Passes
Angaben zu Öffnungszeiten, Eintritt, Angeboten und Zugänglichkeit können sich ändern. Maßgeblich sind die verlinkten Stellen.
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Dieser Beitrag beruht auf Recherche in den genannten Quellen.
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