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Städte & Kultur

Detroit Institute of Arts: Riveras „Detroit Industry“ an vier Wänden

1932 und 1933 bemalte Diego Rivera alle vier Wände eines Innenhofs im Detroit Institute of Arts. Vorbild war Fords Werk River Rouge. Die 27 Tafeln idealisieren die Fabrik und zeigen zugleich ihre Gefahren.

Vom USA Reisen Magazin · Community-Content: Sylvia Spleth

Lesezeit etwa 8 Minuten

Aquarell der hellen Marmorfassade des Detroit Institute of Arts mit drei hohen Rundbögen über dem Eingang und einer breiten Freitreppe. Links und rechts stehen Bäume mit teils gelbem Laub.
Die Hauptfassade des Detroit Institute of Arts an der Woodward Avenue (Aquarell). · Aquarell nach „Detroit institute of arts, esterno 01.jpg“ von Sailko, Wikimedia Commons; bearbeitet für USA Reisen Magazin (CC BY 3.0)

Auf der Südwand des Rivera Court steht eine mitgemalte Inschrift: Die Fresken seien zwischen dem 25. Juli 1932 und dem 13. März 1933 entstanden, als Geschenk von Edsel B. Ford an die Stadt Detroit. In diesen knapp acht Monaten malte der mexikanische Künstler Diego Rivera den Zyklus „Detroit Industry“ im Detroit Institute of Arts (DIA). Wie aus einem Autowerk ein Wandbild wurde, lässt sich in diesem Hof Wand für Wand nachvollziehen.

Ein Museum, ein Autokonzern und ein umstrittener Maler

Aquarell einer dunkelgrünen Limousine mit schwarzen Kotflügeln, Speichenrädern und runden Scheinwerfern.
Ein Ford Model A (Aquarell).

Den Auftrag gab William Valentiner, von 1924 bis 1945 Direktor des Museums. Er hatte Riveras Arbeiten in San Francisco gesehen und holte ihn nach Angaben des DIA nach Detroit, gegen Widerstände aus der Stadt und von Interessengruppen. Rivera war eine umstrittene Wahl. Das DIA beschreibt ihn als bekennendes Mitglied der mexikanischen Kommunistischen Partei. Eine Darstellung des National Park Service (NPS) hält dagegen fest, dass die Partei ihn bereits 1929 ausgeschlossen hatte.

Bezahlt hat Edsel Ford, der Sohn Henry Fords. Im Mai 1931 genehmigte die Kunstkommission der Stadt unter Edsel Fords Vorsitz zwei große Wandbilder für die Nord- und die Südwand des damaligen Garden Court. Rivera schlug später vor, alle vier Wände mit insgesamt 27 Tafeln zu gestalten. Sein Honorar je Fläche sank damit deutlich. Nach der Berechnung der Kunsthistorikerin Linda Downs, die die NPS-Unterlagen anführen, fiel es von ursprünglich verlangten umgerechnet rund 120 US-Dollar je Quadratmeter auf durchschnittlich knapp 33 US-Dollar. Die Gesamtkosten gibt das DIA mit 20.889 US-Dollar an.

Downs nennt auch einen möglichen Beweggrund der Ford Motor Company: Sie wollte ihr Ansehen verbessern. Das hatte gelitten, nachdem Arbeiter des Werks River Rouge einen Hungermarsch veranstaltet hatten. Die Arbeitsbedingungen dort beschreiben die Unterlagen als bedrückend.

Vom River Rouge an die Wand

Aquarell einer Industrieanlage aus der Luft: Hallen, rauchende Schornsteine und Gleise an einem Kanal, umgeben von flachem Land.
Das Ford-Werk River Rouge in Dearborn aus der Luft. Die Farben sind frei gewählt (Aquarell). · Aquarell nach „River Rouge aerial“, Detroit Publishing Co., um 1927, Library of Congress

Die Vorlage steht in Dearborn am Rand von Detroit. Henry Ford baute den River Rouge Complex zwischen 1917 und 1928 auf. Das Ziel war eine durchgehende Kette vom Rohstoff bis zum fertigen Auto. Nach Angaben des Museums The Henry Ford erreichte das Werk diese Fertigung „vom Erz bis zur Montage“ 1927 mit dem Model A. Auf dem Höhepunkt liefen dort täglich 4.000 Fahrzeuge vom Band, mehr als 100.000 Menschen arbeiteten auf dem Gelände.

Rivera studierte das Werk vor Ort und füllte Skizzenbücher. Wie lange, darüber gehen die Angaben auseinander: Das DIA spricht von einem Monat, die NPS-Unterlagen von Besuchen zwischen April und Juli 1932. Seine Assistentin Lucienne Bloch erinnerte sich später, er sei in dieser Zeit fast jeden Tag ins Werk gefahren, um zu zeichnen; Edsel Ford habe ihm erlaubt, sich dort überall frei zu bewegen.

Gemalt hat Rivera in Freskotechnik, die nach der Beschreibung in den NPS-Unterlagen schnelles Arbeiten verlangt: Nasser, mit reinem Kalk angemischter Putz wird auf die Wand aufgetragen, und solange er feucht ist, kommt Farbe auf Wasserbasis darauf. Beim Trocknen verbindet sich die Farbe dauerhaft mit dem Putz. Vorher übertrugen Riveras Assistenten die großen Vorzeichnungen, die Kartons, auf die Wand: Sie pausten die Umrisse auf durchsichtiges Papier, stachen sie in Abständen durch und stäubten roten Ocker durch die Löcher. Auf dem Putz blieb eine gepunktete Linie, an der Rivera malen konnte. Die Kartons selbst zeigte das Museum 1933 und lagerte sie danach ein. Nach Angaben des DIA fanden zwei Archivarinnen sie erst um 1979 wieder, in braunes Papier gerollt in einem Lager. Heute gehören sie zur Sammlung.

Gemalt wurde in einer Stadt, die von der Weltwirtschaftskrise schwer getroffen war. Der Kunsthistoriker E. P. Richardson hielt fest, während das Fresko entstand, sei um sie herum die ganze Welt zusammengebrochen. Die Krise selbst malte Rivera nicht.

Das Ergebnis ist keine Reportage eines einzelnen Arbeitsschritts. Die größte Tafel an der Nordwand zeigt die Herstellung von Motor und Getriebe des Ford V-8 von 1932 und zieht dafür nach Angaben des NPS die Innenräume von fünf Werkshallen zusammen: Hochofen, Siemens-Martin-Ofen, Gießerei, Motorenmontage und Walzwerk. Die senkrechten Tafeln beiderseits des Westeingangs zeigen das Kraftwerk Power House No. 1, die Energiequelle des Komplexes.

Die vier Wände lesen

Aquarell von Brocken aus rotbraunem Eisenerz, schwarzer Kohle und hellem Kalkstein neben einem Häufchen Sand.
Eisenerz, Kohle, Kalkstein und Sand (Aquarell).

Der Hof ist als Abfolge angelegt. An der Ostwand beginnt der Zyklus mit dem Ursprung des Lebens: In der Mitte liegt ein Säugling in der Knolle einer Pflanze, deren Wurzeln in die Erde reichen. In den unteren Ecken sind stählerne Pflugscharen zu sehen. Der NPS deutet sie als Bild für die Landwirtschaft als erste Technik.

Die Westwand öffnet den Blick auf weitere Verkehrsmittel, auf Luftfahrt und Schifffahrt. In der einfarbigen Mitteltafel ist ein Gesicht halb als lebendiges Antlitz, halb als Totenschädel gemalt. Der NPS deutet es als Nebeneinander von Leben und Tod. Ein Verkehrsflugzeug und ein Kriegsflugzeug stehen dort für die zivile und militärische Nutzung der Luftfahrt. Das DIA sieht darin Riveras Blick auf die dunkle Seite der Technik.

Nord- und Südwand tragen die großen Industrieszenen. Oben stehen monumentale Figuren. Unterhalb davon zeigen Gesteinsschichten die Rohstoffe der Autoproduktion: Eisenerz, Kohle, Kalkstein, Sand. Die Eckfelder zeigen Szenen aus weiteren Bereichen der Detroiter Industrie: pharmazeutische und chemische Arbeit, eine Impfung und die Herstellung von Giftgasbomben. Am unteren Rand erzählen kleine einfarbige Tafeln einen Tag im Leben eines Arbeiters.

Manche Einzelheiten erschließen sich erst, wenn man auf sie hingewiesen wird. Nach Lesart des DIA ist die große Stanzpresse an der Südwand der aztekischen Göttin Coatlicue nachempfunden, und die Maschinen in der Mitte der Nordwand erinnern an toltekische Kriegerfiguren. An der Südwand hat Rivera Henry Ford als Lehrer vor einer Klasse gemalt, dazu Edsel Ford und Valentiner. Sich selbst malte er an die Nordwand, mit Melone zwischen Arbeitern mit grünen Gesichtern. Das DIA liest das Grün als Hinweis auf giftige Dämpfe in der Produktion.

Was das Bild zuspitzt und was es auslässt

Die Fabrik an den Wänden ist idealisiert. DIA-Kurator Benjamin Colman weist darauf hin, dass die Belegschaft im Rouge-Werk nach historischen Unterlagen stark nach Hautfarbe getrennt war. Rivera malte dagegen eine gemischte Belegschaft Seite an Seite.

Zugleich zeigt er die Gefahren der Industrie: grüne Gesichter, Giftgas, Bomber. 1933 lösten die Fresken einen Skandal aus. Wenige Tage vor der öffentlichen Freigabe am 21. März nannte die Detroit News die Fresken in einem Leitartikel auf der Titelseite „unamerikanisch“ und „töricht vulgär“ und schlug vor, sie zu übertünchen. Einige Geistliche nahmen Anstoß an der Impftafel. Nach den NPS-Unterlagen sahen allein im März 1933 rund 86.000 Menschen die Wandbilder. Am 11. April 1933 nahm die Kunstkommission das Werk einstimmig an.

Später gerieten die Wandbilder aus der Mode. Die NPS-Unterlagen sprechen von einer Zeit, in der sie keine fachliche Pflege erhielten. 1987 und 1988 reinigten zwei frühere Assistenten Riveras, Lucienne Bloch, die 1932 seine Fahrten ins Werk miterlebt hatte, und Stephen Dimitroff, die Fresken unter Anleitung der Restaurierungswerkstatt des Museums. Sie fanden nur geringe Farbverluste und einen Wasserschaden unter einem undichten Oberlicht. Im Übrigen waren die Fresken bemerkenswert gut erhalten.

Seit dem 22. April 2014 sind die Fresken ein National Historic Landmark, ein Kulturdenkmal von nationalem Rang in den USA.

Der Bau um die Fresken

Aquarell einer hohen Halle mit Gewölbedecke, Kronleuchtern, Wänden aus hellem Stein und glänzendem Boden. An der Stirnseite liegt eine Rundbogenöffnung zwischen zwei rechteckigen Durchgängen.
Die Great Hall auf dem Weg zum Rivera Court, als reine Architekturansicht ohne Ausstellungsstücke (Aquarell). · Aquarell nach „DIAhall2.jpg“ von Gsgeorge, Wikimedia Commons; bearbeitet für USA Reisen Magazin und unter derselben Lizenz weitergegeben (CC BY-SA 3.0)

Seit 1927 hat das Museum seinen Sitz an der Woodward Avenue, in einem Beaux-Arts-Bau des Architekten Paul Philippe Cret. Die Fassade ist mit weißem Vermont-Marmor verkleidet, ein vorspringender Mittelteil mit drei großen Bögen und ionischen Säulen prägt die Front. Vom Eingang führt eine Folge aus Eingangshalle und Great Hall zum Rivera Court, der unter einem großen Oberlicht liegt. Die beiden Seitenflügel kamen 1965 und 1971 hinzu.

Abbildungen der Wandbilder zeigt dieser Beitrag nicht. Das DIA bezeichnet die Fresken als gemeinfrei, wenn sie in den USA veröffentlicht werden. Auf eine Veröffentlichung in Deutschland lässt sich das aber nicht übertragen. Das Titelbild zeigt deshalb den Außenbau.

Den Besuch planen

Der Rivera Court liegt laut Sammlungseintrag auf Ebene 2 im Mittelteil des Hauses. Seit März 2025 sind auf der Etage, die das DIA als „second floor“ bezeichnet, wegen Umbauarbeiten ausgewählte Galerien vorübergehend geschlossen. Der Freskenzyklus selbst ist beim DIA als ausgestellt gemeldet. Ob einzelne Bereiche am Besuchstag betroffen sind, lässt sich vorab auf der Website des Museums prüfen.

Für Bewohner der drei Countys Wayne, Oakland und Macomb ist der Eintritt frei. Das geht auf eine Grundsteuerabgabe zurück, die Wähler dort 2012 beschlossen und 2020 verlängert haben. Für andere Besucher gelten die regulären Eintrittspreise und die weiteren Ermäßigungen und Befreiungen des Museums. Fotografieren für private Zwecke ist erlaubt, allerdings ohne Blitz, Stativ oder Selfie-Stick.

Fragen und Antworten

Wie viele Tafeln hat „Detroit Industry“, und wann entstanden sie?

27 Freskotafeln an allen vier Wänden des Rivera Court. Laut der auf die Südwand gemalten Inschrift entstanden sie zwischen dem 25. Juli 1932 und dem 13. März 1933.

Welche Fabrik zeigen die Wandbilder?

Den River Rouge Complex der Ford Motor Company in Dearborn bei Detroit. Die größte Tafel an der Nordwand zeigt die Fertigung von Motor und Getriebe des Ford V-8 von 1932 und fasst dafür laut NPS fünf Werkshallen in einer Szene zusammen.

Was kostet der Eintritt ins Detroit Institute of Arts?

Nach Angaben des DIA, Stand 6. Oktober 2026, zahlen Erwachsene 20 US-Dollar, Senioren und Studenten mit Ausweis 10 US-Dollar und 6- bis 17-Jährige 8 US-Dollar. Kinder unter fünf Jahren und Bewohner der Countys Wayne, Oakland und Macomb mit Ausweis haben freien Eintritt. Für genau Fünfjährige nennt die Tarifseite des DIA keinen Preis. Diesen Fall klärt man vorab mit dem Museum. Sonderausstellungen kosten extra.

Darf man im Rivera Court fotografieren?

Ja, für private Zwecke und ohne Blitz, sofern an einem Werk nichts anderes angegeben ist. Stative, Einbeinstative und Selfie-Sticks sind nicht erlaubt. Für Aufnahmen von Presse, Influencern und anderen Content-Produzenten verlangt das DIA vorab eine Genehmigung.

Wie kommt man ohne Auto zum DIA?

Die Buslinie 4-Woodward hält laut DIA vor dem Museum, die Straßenbahn QLINE an der Station Ferry Street. Der Haupteingang an der Woodward Avenue ist nicht barrierefrei. Barrierefreie Eingänge liegen an der John R Street und der Farnsworth Street.

Weiterführende Informationen

  1. Detroit Institute of Arts: Detroit Industry Murals (Sammlungseintrag 33.10)
  2. Detroit Institute of Arts: Rivera Court
  3. Detroit Institute of Arts: 5 details in the Detroit Industry Murals most visitors miss
  4. Detroit Institute of Arts: Documenting the Detroit Industry Murals
  5. Detroit Institute of Arts: About
  6. Detroit Institute of Arts: Visit
  7. Detroit Institute of Arts: Tickets
  8. Detroit Institute of Arts: FAQs
  9. Detroit Institute of Arts: Accessibility
  10. National Park Service: Detroit Industry Murals, Detroit Institute of Arts
  11. National Park Service: List of National Historic Landmarks by State
  12. National Park Service: National Historic Landmark Nomination: Detroit Industry Murals (Entwurf 2013, Internet Archive)
  13. The Henry Ford: Ford Rouge Factory Tour: History and Timeline
  14. Detroit Institute of Arts: Film & Photography Policy (November 2025)
  15. Detroit Institute of Arts: Parking & Directions
  16. National Park Service: National Historic Landmark Nomination: Detroit Industry Murals

Angaben zu Öffnungszeiten, Eintritt, Angeboten und Zugänglichkeit können sich ändern. Maßgeblich sind die verlinkten Stellen.

Dieser Beitrag beruht auf Recherche in den genannten Quellen.

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