Isabella Stewart Gardner Museum: Was der Innenhof über das ganze Haus verrät
Aus fast jeder Galerie des Isabella Stewart Gardner Museum in Boston fällt der Blick in den Innenhof. Dort wechselt die Bepflanzung rund zehnmal im Jahr und wird oft Monate im Voraus vorbereitet.

Als die Maurer in Boston begannen, die Säulen rund um den Innenhof zu setzen, ließ Isabella Stewart Gardner jede einzelne aus dem Schuppen holen und bestimmte, wie sie gesetzt wurde. So hielt es ihr Architekt Willard T. Sears in seinem Tagebuch fest. Gardner kam nach eigenen Worten täglich auf die Baustelle, den Henkelmann in der Hand.
Der Neubau als Eingang

Zu diesen Säulen gelangt man heute durch einen Neubau von Renzo Piano, der im Januar 2012 eröffnete. Er steht zurückgesetzt, und ein gläserner Gang führt durch Gärten bis in den Innenhof. Piano selbst forderte, der Neubau müsse ein „respektvoller Neffe der Großtante“ sein.
Der Hof liegt ebenerdig in der Mitte des alten Hauses. Seine Wände reichen über vier Geschosse bis zum Glasdach, und aus fast jeder Galerie fällt der Blick auf ihn. Diese Wände erinnern an die Außenseite eines venezianischen Palastes.
Venedig, nach innen gewendet
Einzelne Bogenfenster an den Seiten, große Mehrfachbögen in der Mitte jedes Stockwerks: So sehen in Venedig Palastfassaden von außen aus. In Boston blickt man von innen auf sie. Der Architekturkritiker Robert Campbell sprach von einem Palast, der „von innen nach außen gekehrt“ worden sei; einen bestimmten Palast bildet der Hof allerdings nicht nach.
Die Teile dafür hatte Gardner bei Händlern in Venedig gekauft, wo sie mit ihrem Mann oft im Palazzo Barbaro am Canal Grande wohnte: Säulen, Fenster, Türeinfassungen, Reliefs und Kapitelle. Als 1900 noch Teile fehlten, bestellte sie nach, nach Angaben des Museums oft allein nach Fotografien. Die acht Balkone an der Ost- und Westseite des Hofs hingen ursprünglich an der Ca’ d’Oro am Canal Grande. Weil die Stücke aus verschiedenen Gebäuden stammen, unterscheiden sie sich in Größe und Form. Wie die Wände dazwischen wirken sollten, legte Gardner selbst fest: Fotos zeigen sie auf einer Leiter im Hof, als sie den Stuckateuren vorführte, welche Wirkung sie sich für den rosa marmorierten Putz wünschte.
Was im Hof steht

Wo die Kunstwerke des Hofs Figuren zeigen, sind es nach Angaben des Museums ausschließlich weibliche. In der Mitte des Bodens liegt ein römisches Mosaik mit einem Medusenhaupt. In römischen Häusern und Bädern galt die Medusa als Schutzbild gegen Übelwollende, erklärt die Kuratorin Christine Kondoleon.
An der Hofwand steht ein Brunnen, und über ihm tanzt auf einem lebensgroßen römischen Relief eine Mänade, eine Begleiterin des Weingottes Dionysos. Wer zwischen den beiden Säulen mit Löwen am Fuß steht, hat den Brunnen frontal vor sich. Diesen Platz empfiehlt die Gartenleiterin des Museums, Erika Rumbley.
Im Erdgeschoss umgeben Kreuzgänge aus rotem Backstein den Hof, mit niedrigen Gewölben und Steinbänken. Dort stehen vor allem Skulpturen aus mittelalterlichen Kirchen und Klöstern. Der Audioguide empfiehlt, sich auf diese Bänke zu setzen und den Hof von dort zu betrachten.
Ein Museum von Anfang an

Die Galerien, aus denen man auf den Hof blickt, waren von Beginn an für die Sammlung bestimmt. Nach Darstellung des Museums planten Gardner und ihr Mann John „Jack“ Gardner kein Wohnhaus, sondern ein Museum, weil ihre Sammlung mehr Platz brauchte, als ihr Haus in Boston bot. Nach dem Tod ihres Mannes 1898 setzte sie den Plan allein um und richtete sich nur im obersten Geschoss eine Wohnung ein. 1903 öffnete das Haus als Fenway Court.
Warum sich hier fast nichts ändern darf

Wo in den Sälen jedes Objekt steht, hat Gardner selbst bestimmt, und ihr Testament legt fest, dass diese Aufstellung nicht dauerhaft verändert werden darf. Die Galerien zeigen deshalb weitgehend den Stand von 1924, dem Jahr ihres Todes.
Für Besucher hat das sichtbare Folgen. Die üblichen Schilder ließ Gardner weg, und dabei ist es geblieben; Erklärungen gibt es auf dem eigenen Telefon. Weil lichtempfindliche Werke neben Gemälden hängen und die Aufstellung bleiben muss, ist das Licht in den Galerien oft gedämpft. Wer ein chronologisch geordnetes Museum mit ausführlichen Wandtexten erwartet, findet hier etwas anderes.
In zwei Sälen hängen leere Rahmen. Bei einem Diebstahl im März 1990, der bis heute ungeklärt ist, wurden die Gemälde aus ihnen entfernt. Das Museum ließ die Rahmen reparieren und hängte sie als Platzhalter an ihre Plätze zurück; es hofft, dass die Bilder eines Tages zurückkehren.
Ein Garten, der ständig wechselt

Die Bepflanzung des Hofs dagegen wechselt rund zehnmal im Jahr. Die Kapuzinerkresse, die jedes Frühjahr in langen orangefarbenen Ranken von den Balkonen hängt, wird schon im Juni des Vorjahres aus Samen gezogen. Den Winter über pflegen die Gärtner sie in Gewächshäusern außerhalb Bostons, bis die Ranken bis zu sechs Meter lang sind. Dann bringt ein Lastwagen sie ins Museum, und sie werden durch das Haus und die Treppen hinaufgetragen. Jede Pflanze wiege etwa 50 Pfund, gut 20 Kilogramm, wenn man sie am Balkon festhält und herablässt, erzählt Rumbley im Audio-Rundgang des Museums. Für die ganze Installation braucht das Museum bis zu zehn Menschen. Gardner begann die Tradition nach Angaben des Museums in der Woche vor Ostern; heute hängen die Ranken rund drei Wochen lang um ihren Geburtstag im April. Auch Gardner selbst zog orangefarbene Kapuzinerkresse.
Für die Chrysanthemen, die von Ende September bis November den Hof füllen, setzen die Gärtner schon im Frühjahr Stecklinge in mehr als 500 Terrakottatöpfe. Bei den Pflanzen mit nur einem Stiel schneiden sie, solange diese wachsen, jede Woche die Seitentriebe ab, damit alle Kraft in eine einzige Blüte geht; sie wird nach Rumbley etwa so groß wie ein Kopf. Die japanische Schnitttradition dafür heißt Ogiku. Mit denselben Schnitten zogen Gardner und ihr Schwiegervater ihre preisgekrönten Chrysanthemen.
Laut Audioguide ersetzen die Gärtner jede Woche einzelne Pflanzen, und etwa alle sechs Wochen wechselt die ganze Gestaltung. Was beim Besuch tatsächlich blüht, kann vom angekündigten Programm abweichen. Nur wenige Pflanzen bleiben das ganze Jahr. Der Efeu an den niedrigen Mauern zu den Kreuzgängen gehörte schon 1903 zur ersten Bepflanzung, zwei Weihnachtspalmen wachsen direkt im Boden. Und die vier Baumfarne an den Ecken des Mosaiks lassen sich nicht mehr bewegen: Nach Rumbleys Angaben sind sie durch ihre Töpfe hindurch in den Boden unter dem Gebäude eingewurzelt.
Rumbley empfiehlt zwei weitere Blicke. Aus den oberen Geschossen erkennt man die sternförmigen Kronen der Farne und die Geometrie der ganzen Bepflanzung. In den Ecken des Hofs dagegen brechen Pflanzen diese strenge Ordnung auf.
Gearbeitet wird im Hof jeden Morgen, an allen Tagen des Jahres. Gegen Schädlinge setzen die Gärtner nach Angaben des Museums ökologische Methoden wie Raubmilben ein. Zum Schluss fegen sie die Kieswege, damit keine Fußspuren bleiben.
Fragen und Antworten
Wie kommt man ohne Auto zum Isabella Stewart Gardner Museum?
Laut Museum (Stand: Oktober 2026) mit der Green Line (Linie E) bis zur Haltestelle Longwood Medical Area. Von dort sind es etwa vier Minuten zu Fuß. Einen eigenen Besucherparkplatz hat das Museum nicht.
Muss man Tickets für das Isabella Stewart Gardner Museum vorab kaufen?
Das Museum empfiehlt den Vorabkauf, weil Tickets für ein Zeitfenster gelten und beliebte Zeiten ausverkauft sein können. Nach Angaben des Museums (Stand: Oktober 2026) ist der Eintritt donnerstags von 17 bis 21 Uhr frei. Tickets dafür gibt es zwei Tage vorher. Dienstags und an einzelnen Feiertagen ist das Museum geschlossen. Preise und Zeiten ändern sich. Maßgeblich ist die Website des Museums.
Gibt es im Isabella Stewart Gardner Museum Erklärungen zu den Kunstwerken?
Herkömmliche Objektschilder gibt es nicht. Informationen findet man über QR-Codes in den Galerien, für die ein kostenloses WLAN bereitsteht, und über Audioguides auf dem eigenen Smartphone mit Kopfhörern. Zum Innenhof gibt es eine eigene Station im Audioguide, und die Gartenabteilung bietet saisonale Audio-Rundgänge an. Außerdem bietet das Museum laut eigener Angabe (Stand: Oktober 2026) eine kostenlose 30-minütige Führung an. Tickets dafür gibt es an der Kasse.
Darf man im Isabella Stewart Gardner Museum fotografieren?
Ja, laut Museum (Stand: Oktober 2026) ohne Blitz und für private Zwecke. Stative und Selfie-Sticks sind nicht erlaubt.
Weiterführende Informationen
- Isabella Stewart Gardner Museum: Courtyard (Raumseite)
- Isabella Stewart Gardner Museum: The Courtyard – saisonale Bepflanzung
- Isabella Stewart Gardner Museum: Meet Isabella
- Isabella Stewart Gardner Museum: Building Isabella's Museum
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, A. Eliopoulos): From Venice to the Fenway: Architectural Elements in the Courtyard
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, C. Kondoleon): The Medusa Mosaic in the Courtyard
- Isabella Stewart Gardner Museum: East, North, and West Cloister
- Isabella Stewart Gardner Museum: Hanging Nasturtiums
- Isabella Stewart Gardner Museum: John Lowell Gardner Chrysanthemum Installation
- Isabella Stewart Gardner Museum: New Meets Old
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, H. Salmon): The Five Frames Left Behind
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, J. Chloros): Other Ways of Seeing: A Conservator’s Perspective on Tactile Accessibility
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, H. Salmon): Shedding Light on the History of Lighting
- Isabella Stewart Gardner Museum (Blog, C. Waldheim): The New Wing a Decade Later
- Isabella Stewart Gardner Museum: While You're Here
- Isabella Stewart Gardner Museum: Isabella Stewart Gardner Museum Theft
- Isabella Stewart Gardner Museum: Prepare for Your Visit
Angaben zu Öffnungszeiten, Eintritt, Angeboten und Zugänglichkeit können sich ändern. Maßgeblich sind die verlinkten Stellen.
Weiterführende Webseiten für unsere Community:
Dieser Beitrag beruht auf Recherche in den genannten Quellen.
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